Rane Twelve – Wachablösung an den Wheels-of-Steel

Ok, reißerischer Titel, aber ja, ich bin begeistert. Jetzt aber erstmal von Anfang an:

Seit 25 Jahren bin ich als DJ am Start, am Anfang meines Plattenauflegens kamen noch IMG Stage Line DJP-200 zum Einsatz, die waren seinerzeit für wenig Geld völlig in Ordnung. Vor 20 Jahren wurde dann auf Technics SL-1210MK2 gewechselt, quasi Club-/DJ-Standard und die gibt’s auch heute noch. Anfang Dezember 2019 wurden dann zwei Rane Twelve angeschafft.

Die gibt es zwar bereits seit 2018 am Markt, allerdings ging diese Entwicklung irgendwie völlig an mir vorbei, ok, ich beschäftige mich auch nicht ständig mit den Neuerungen in der Szene. Darüber gestolpert bzw. entdeckt hatte ich die Teile in folgenden Live-Mitschnitt im Setup von DJ Cocoa Chanelle:

YouTube – Robin S., Crystal Waters & CeCe Peniston Perform Their Classics At Black Girls Rock 2019!

Eine kurze Geschichte der motorgetriebenen DJ-Controller – Now and then

Rane erfindet mit dem Twelve nun keineswegs das Rad neu, gab es in der Vergangenheit wie auch aktuell doch ein paar Geräte dieser Art von verschiedenen Herstellern.

Von Technics irgendwann zwischen 2004 – 2007 stand mit dem SL-DZ1200 ein „Digitaler Plattenspieler“ mit einem 10″ Plattenteller zur Verfügung. Dieser war allerdings ein reiner CD- und SD-Karten-Player (USB ging nur mit optionalen Zubehör) und kein Controller für Serato, Traktor, VirtualDJ und Co.

So 2009/2010 rum kam der Stanton SCS.1D auf den Markt, ebenfalls mit einem 10″ Plattenteller, dieser bot sogar einen motorisierten Pitchfader an.

Gleich mit zwei Decks kommt der Numark NS7III daher, diesen gab es bereits 2009 in Form des NS7 (quasi Nummero Uno) mit zwei Decks, seinerzeit allerdings noch als 2-Kanal-Ausführung. Alle Ausführungen haben einen 7″ Plattenteller.

Aktuell gibt es neben dem Rane Twelve den Denon SC5000M Prime, dieser hat einen 7″ Plattenteller und von Native Instruments gibt’s wiederum den TRAKTOR KONTROL S4, hier sind’s dann 5″ große motorisierte Jogwheels.

Rane ist mit dem Twelve und seinen 12″ großen Plattentellern schlicht direkt am klassischen Plattenspieler bzw. Vinyl dran.

Alternative

Nicht unerwähnt bleiben darf aktuell zudem die Lösung von MWM namens Phase, bietet diese doch die Möglichkeit den geliebten Plattenspieler weiter zu verwenden. Dabei wird auf eine beliebige Vinyl ein akku-betriebener Controller aufgesetzt und mittels Funk die Steuerung der DJ-Software unternommen. Nadel und Tonarm werden nicht (mehr) benötigt. Umbauten von Plattenspielern wo der Tonarm entfernt wurde kann man ebenfalls ab und an sichten.

Persönlich finde ich diese Lösung interessant, habe mich allerdings letztlich anders entschieden.

Rane Twelve – Versionsunterschiede

Die „Twelvies“ gibt es historisch bedingt in zwei Ausführungen:

  • 2018 – Version 1.1: Je nachdem wie man sie aufstellt sind durchaus Kabel im Weg, da sich diese auf der Rückseite befinden, ferner ist die Aufnahme der Vinyl verschraubt.
  • 2019 – Version 1.2: Kabeleinführung auf der Unter- statt wie bislang auf der Rückseite, daher keine Schwierigkeiten beim Aufstellen im „Club-Style“. Die Aufnahme der Vinyl ist nun statt verschraubt mit einer Feder-Verrieglung versehen. So lässt sich diese leichter und Werkzeuglos abnehmen und beispielsweise die Slipmat leichter tauschen oder mittels Unterlegscheiben der Slip-Crip/Tension verändern.

Unterschiede zum Technics SL-1210MK2

Wie eingangs erwähnt habe ich nun 20 Jahre mit den 1210ern aufgelegt, ein Vergleich mit anderen Turntables oder motorized Controllern kann ich leider nicht bieten. Dafür aber wenigstens den direkten Unterschied mit dem Standard.

  • Im Vergleich ungewohnt starker Drehmoment und Anlauf:
    Technics SL-1210MK2: 1.5 kgf/cm, Hochlaufzeit 0.7 s
    Rane Twelve: High: 5.0 kgf/cm (starting/instant); 3.4 kgf/cm (stable), Low: 3.2 kgf/cm (starting/instant); 1.4 kgf/cm (stable), Hochlaufzeit < 0.4 s
    Bei Rane ist der Drehmoment wie man den Daten entnehmen kann einstellbar durch einen Schalter auf der Rück- bzw. Unterseite des Geräts.
  • Ungewohntes Stopp-Verhalten (für einen Quasi-Plattenspieler): Drückt man auf „Stop“ bleibt der Song ziemlich abrupt stehen, also wie eigentlich bei jedem DJ-Controller. Ein geringer Nachlauf wie beim klassichen Plattenspieler gibt es nicht, dabei kann das durchaus gewollt sein. Abhilfe kann je nach DJ-Software das Ändern des Stop-Verhaltens schaffen. Für VirtualDJ kann dafür der Brake-Effekt oder ab Version 8 Brakestart/Brakespeed verwendet werden. Siehe dazu VirtualDJ: Stop-/Pause-Verhalten bei Controllern wie beim Plattenspieler einstellen
  • Aus ist nicht gleich Aus! Soll heißen: „Nur“ weil man den Motorschalter auf „Off“ stellt, ist der Twelve nicht abgeschaltet, sondern es bleibt lediglich der Plattenteller stehen. Der „richtige“ Netzschalter befindet sich bei der aktuellen Ausführung (2019, v1.2) in der Vertieferung auf der Unterseite. Das ist soweit (imho) völlig in Ordnung, möchte man den Controller ja nicht aus dem Setup „kicken“ nur weil man einen Spindown macht.

Rane Twelve-spezifisch

Der Rane Twelve ist ein reiner DJ-Controller, dieser bietet keine Möglichkeit zum Abspielen von Schallplatten, CDs, USB-Sticks, usw., ferner ist keine Soundkarte integriert! Die Bedienelemente sind im wesentlichen Selbsterklärend. Geschmackssache ist die Touchleiste für Needle Drop (Suchen) und Hot Cue. Evtl. wären richtige Taster besser, wobei man dann besser auf entsprechende Tasten im Mixer zurückgreift.

Auf der anderen Seite ist meiner Meinung nach mit diesem Touchcontroller wiederum das „Durchsuchen“ eines Songs gut gelöst, wenn man nun nicht auf dem Touchpad des Notebooks oder mit einer Maus hantieren möchte. Mal abgesehen davon das man mit dem Finger einfach über die Leiste fahren kann.

Wie bei vielen Controllern ist das setzen eines Hot Cue einfach: Schlicht an der gewünschten Stelle drücken. Löschen geht dann mit einem gleichzeitigen Druck von „Cue Mode“ und dem zu löschenden Hot Cue.

Der Rane Twelve bietet vier Taster (1-4) zur Auswahl, für welches Deck er zuständig ist. Diese Einstellung merkt sich das Gerät nicht, folglich muss sie nach jedem Einschalten neu gesetzt werden. Im laufenden Betrieb kann das Deck gewechselt werden, ohne das der laufende Track unterbrochen wird!

Über das Vorhandensein des Stroboskops lässt sich Streiten, sinnvoll dürfte es rein technisch betrachtet nicht sein. Schön anzusehen ist es dennoch und dem eingefleischtem Vinyl-DJ kommt die gewohnte Möglichkeit zum Abbremsen am Plattenteller (auch wenn das früher oder später ordentlich putzen bedeutet ;-)) entgegen.

Nette Gimmicks

Neigt sich ein Song dem Ende entgegen, blinkt der Start/Stop-Button. Der Fortschritt im aktuell laufenden Song wird in der Touchleiste anhand leuchtendeter LEDs angezeigt. Ist der Song zu Ende bleibt der Plattenteller automatisch stehen.

Größenvergleich

In der Höhe gibt es quasi keinen Unterschied, so fügt sich der Rane Twelve nahtlos in bestehende Setups ein. Etwas anders sieht die Sache bei den Kanten aus. Insgesamt ist der Rane Twelve etwas kleiner als ein Technics SL-1210MK2, dies dürfte dem fehlenden Tonarm zu verdanken sein.

Was noch?

Es findet sich sogar noch Platz für DVS-Controller wie den Novation Dicer:

Allerdings gibt es keinen 12″/7″-Adapter, folglich muss man die Dicer anders befestigen (Doppelseitiges Klebenband, rutschfeste Unterlage, o.ä.).

Der Pitch-Fader hat übrigens einen spürbaren Nullpunkt.

Was das Thema Reinigen betrifft so ist dies beim Twelve ebenfalls einfacher, da kein Tonarm geputzt werden muss bzw. „im Weg“ ist. Das mag jetzt keine DJ-technische Relevanz besitzen, für Putzfaule ist das allerdings ein Argument.

Kompatibilität

Die jeweilige DJ-Software muss den Rane Twelve unterstützen. Serate DJ tut dies wenig überraschend, aber auch Mitbewerber wie VirtualDJ. Letzteres kommt bei mir seit Jahren zum Einsatz. Sobald der Rane Twelve angeschlossen ist und man die Software startet, wird direkt gemeldet das diese/r erkannt wurde und genutzt werden kann. Plug’n’Play.

Warum nicht (mehr) Timecode-Vinyls?

Plattenspieler und Schallplatten sind zweifelsohne eine feine Sache. „Übergangstechnologien“ wie Timecode haben diese bis heute am Leben gehalten und für weitere Spielmöglichkeiten gesorgt. Nicht falsch verstehen, dies ist kein Abgesang auf analoge Technik!

Nachteile braucht man nicht erfinden oder groß suchen, sie sind einfach da:

  • Verschleiß von Nadel und System sowie dem eigentlichen Vinyl.
  • Gleichlauf trotz Quarz nicht 100%ig, gerade bei langen Übergängen und Mixen mit mehreren Decks mitunter eine Herausforderung.
  • Resonanz oder Geräusche die sich durch oder über das Gehäuse übertragen werden.
  • Vibrations-/Bass-empfindlich (Nadel springt mit jeder Bassdrum oder wenn jemand an das Pult „donnert“)
  • Rückkopplung mit der PA oder den Monitoren (selten, kann aber vorkommen wenn’s richtig Dumm läuft).
  • Die Plattenspieler müssen gerade stehen.
  • Neukalibirieren bei Nadel-/System-Wechsel.
  • Hängenbleibende Nadel aufgrund einer Macke oder Schmutzes auf der Schallplatten („die Platte hängt“).
  • usw.

Die Vorteile von digitalen Controllern liegen wiederum darin:

  • Keine Bassempfindlichkeit.
  • Keine springende Nadel.
  • Generell unempfindlicher gegenüber mechanischen und akkustischen Einflüssen.
  • Weniger Kabel (Nur Strom und USB).
  • Absoluter Gleichlauf (Da Schwankt nichts, außer der Song als solches und selbst das lässt sich lösen).
  • usw.

Turntablelists, Plattenkünstler und alle die Scratchen freuen sich darüber, das kein Tonarm im Weg ist und selbst bei heftigen Aktionen keine Nadel respektive Platte springt.

Im Vergleich beispielsweise zu Pioneer’s DJ-Controllern ist schlicht die Haptig und das Feeling beim Rane Twelve eher wie bei Technics. Turntablists und andere Plattenkünstler dürften das Gefühl mit einer Schallplatte zu arbeiten und direktes Feedback zu spüren durchaus begrüßen. Das einem bei „rauen“ Sets nichts mehr springt wenn jemand ans Pult rempelt und ähnliches tut sein positives obendrauf.

Quo vadis Plattenspieler?

Trotz aller Neuerungen, Änderungen und Weiterentwicklungen so haben klassische Plattenspieler nach wie vor ihre Daseinberechtigung. Alleine schon die breite Basis an Plattenliebhabern mit mühevoll über Jahre hinweg aufgebauten Sammlungen oder der Trend wieder hin zu mehr Vinyl sorgt weiterhin für Bedarf. Wer dabei gehobene Ansprüche hat, greift mindestens zu einem direktangetriebenen mittelklasse Plattenspieler. Technics-Fans, Vinyl- oder DVS-DJs greifen immer wieder gern zu Altbekanntem.

Technics respektive Panasonic entschieden sich nach wenigen Jahren Abstinenz ebenfalls dazu eine Neuauflage des legendären SL-1210MK2 in Form des MK7 auf den Markt zu bringen. Alternativen, im Gutem wie im Bösen, gibt es ohnehin zuhauf.

Fazit

Der Rane Twelve ist ein ordentlicher DJ-Controller vor allem für Vinyl-geübte DJs und Plattenkünstler. Die robuste Ausführung und das es einfach läuft tut sein übriges.

Ob die Twelve’s dann ebenso lange und stabil durchhalten wie die guten alten Technics wird sich zeigen. Die vergangenen Wochen und Monate haben mir die „Twelvies“ viel Spaß gemacht, auch wenn ich schwören könnte, das sich die beiden unterschiedlich Anfüllen, aber auch daran kann man was drehen (dazu ein andermal mehr).

Comming up next

Wie man bei DJ Talk nachlesen kann, könnte es demnächst eine weitere neue Version des Rane Twelve , möglichweise in Form eines MKII, geben:

DJ-Talk – LEAK – RANE Twelve MK2 – Bekommen wir also doch einen Rang Twelve MK2?

Wenn’s die Zeit zulässt schreibe ich noch einen Beitrag mit Tipps & Tricks sowie wie man die Slip-Crip/Tension beeinflußen kann oder eine andere Vinylscheibe verwendet.

Links

Rane Downloads – Twelve User Guide v1.2

Rane DJ Twelve – Frequently Asked Questions

Rane – Knowledge Base – Twelve

Update 08.08.2020

Wie bereits vermutet gibt es nun MKII-Versionen der Rane Twelve (und weiterer Rane-Produkte):

YouTube – DJCityTV – First Look: RANE TWELVE MK2 and SEVENTY-TWO MKII | Tips and Tricks

Rane Twelve MKII

Update 25.10.2020

Ein echt nettes Review zu den Rane Twelve MKII findet bei bei DJ Cut Cake auf YouTube:

RANE TWELVE MKII | Mein Eindruck und Feedback

An den Cue Drift habe ich seinerzeit beim Schreiben meines Beitrags schlicht nicht gedacht, soll aber natürlich jetzt im Nachgang nicht unerwähnt bleiben.

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